Grenzerlebnis in der Dunkelheit

von | September 20, 2018 | Artikel | 0 Kommentare

Das Dunkelzelt des Blindenvereins Obvita machte Halt beim Würth Haus in Rorschach. Nicht nur die Besucher, die Musik-Kabarettisten Valsecchi und Nater, sondern auch ich, unterwegs als

Ich bin Reporterin. Unterwegs und immer dort, wo es spannende Geschichten gibt. Nicht etwa zu meinem eigenen Vergnügen, sondern um den Lesern später zu berichten, was sie an diesem Abend alles versäumt haben. Einfach hinein gehen und auf das Erleben einlassen, schreiben und fotografieren geht in der Dunkelheit eh nicht, werde ich an der Tageskasse instruiert, nachdem ich mich mit meinem Berufsstand vorgestellt habe. Tief schwarze Nacht umgibt mich! – Nein, das ist untertrieben, auch in der dunkelsten Nacht leuchten Sternen oder der Mond am Himmel, feine Lichtpunkte aus entfernten Häusern oder Strassenlaternen durchbrechen die Dunkelheit und irgendwo am Horizont sind helle Punkte oder Schattierungen wahrzunehmen. Hier aber herrscht absolute Dunkelheit, totale Finsternis. Ich sitze auf meinem Stuhl, zu dem uns die blinde Führerin geleitet hat. „Die wird schon wissen was sie tut“, denke ich, bevor ich mich vertrauensvoll in ihre Obhut begeben habe. „Sollte ich vielleicht Tonaufnahmen machen?“, frag ich mich besorgt um mein Futterstoff für den Artikel. Ich entscheide mich dagegen und lasse mich ein auf das Erlebnis in der vollkommenen Dunkelheit.

Das innere Auge sieht trotz Finsternis

Die Stimmen der beiden Kabarettisten klingen sympathisch. Wo sind sie überhaupt? Irgendwo vor mir, denke ich. Ich sitze ziemlich verkrampft da und versuche mich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Die Hoffnung auf einen Lichtstrahl habe ich inzwischen aufgegeben. Ich überlege, ob ich die Augen schliessen soll, denn eigentlich macht es keinen Sinn, sie offen zu halten, wenn ich doch nichts sehe. „Warum haben Blinde die Augen eigentlich geöffnet?“, frage ich mich. – „Weil es komisch aussehen würde, wenn sie mit geschlossenen Augen durch die Gegend laufen würden, beantworte ich mir selbst die Frage, nachdem ich es mir bildlich vorgestellt habe. Auch für das Kabarettisten-Duo Valsecchi & Nater, den Walliser Schauspieler Diego Valsecchi und den Winterthurer Theatermusiker Pascal Nater dürfte der Auftritt im stockdunklen Zelt eine spezielle Herausforderung sein. „Grenzwertig“ ist ihr Thema. Normal würde ich über Äusserlichkeiten wie Kleidung, Mimik, Gestik oder Bühnenbild Notizen machen. Das ist heute nicht relevant. Dafür stelle ich mir ihre satirischen Anekdoten und Mundartlieder vor meinem inneren Auge sehr bildhaft vor: Die ausgefranste Fahne am Ende des Fahnenmasts, der König vom herrlichen Berg und das krause Negermädchen, oder die beiden nackten Kabarettisten auf der Bühne… – Sind sie wirklich nackt, so wie sie es uns Zuschauer ausführlich weismachen wollen? – Blitzartig überlege ich, wie die beiden überhaupt aussehen. Ich weiss es nicht, denn ich habe mich im Vorfeld auf der Website nur über ihre künstlerische Tätigkeit informiert. – Mein Kopfkino arbeitet… Nun ja, „lügele dörf ma“, sagte meine Mutter immer…

Eine andere Art von Erlebniswelt

Wer sind überhaupt meine Sitznachbarn? – Ein junges Paar, wie ich am Eingang mitbekommen habe. An einer normalen Vorstellung würde ich mir die beiden etwas genauer ansehen, mit ihnen ein paar Worte wechseln. Aber heute, hier und jetzt? Nein, das geht gar nicht. Ich kann niemanden ansprechen, dem ich nicht in die Augen sehen kann. Überhaupt sitze ich immer noch sehr verkrampft da, wage kaum die Beine auszustrecken oder mich zurückzulehnen. Plötzlich habe ich das Gefühl, als hätte mich jemand an der Schulter berührt. Keine Panik, alles ist gut. Die Vorstellung ist super, ich genisse sie.

Ein Schock ist es, als das grelle Kunstlicht uns wieder aus der Welt der Blinden zurückholt. „Ist das Licht schon an?“, fragte eine Nichtsehende, während sich das Publikum geblendet und irritiert im Zelt umsieht. Jetzt kommt mein Auftritt: Fotos knipsen und Notizen machen, Futter beschaffen. Doch was soll ich fotografisch festhalten? Fragen sind ebenfalls keine offen. Der Vorhang ist gefallen, oder besser, das Licht ist wieder an. Ich unterhalte mich noch kurz über mein Erlebnis in der Welt der Blinden und verabschiede mich dann. In Gedanken bin ich bereits wieder in meiner eigenen Welt. So reiche ich einer Frau meine Hand zum Abschied und bin irritiert, als diese mir die ihre nicht entgegenstreckt, sondern einfach nur dasteht. Erst jetzt realisiere ich, dass die Blinde meine Hand ja gar nicht sehen konnte. Eine Nichtblinde neben ihr lacht wissend, während ich, peinlich berührt über mein Missgeschick, nach der Hand der blinden Frau schnappe und dann beinahe fluchtartig meinen Weg gehe.

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